Von Einzelkämpfern oder warum man zusammen tatsächlich weniger allein ist

 

Für ein Kind in der ersten Klasse gibt es kaum etwas wichtigeres, als neben dem besten Freund, der besten Freundin zu sitzen.

Was man denn tatsächlich so lernt ist eher nebensächlich und die Stimmung im Klassenzimmer zu einem enormen Teil ausschlaggebend für das Wohlbefinden des Schulkindes.

 

Von meinen 27 Lebensjahren habe ich tätsächlich fast 17 Jahre davon, in Klassenzimmern verbracht.

Ich war als kleines und dann älteres Kind, als Jugendliche und junge Erwachsene und jetzt als (zumindest meist) erwachsene Frau in der Schule.

Mein Wesen war auch schon immer sehr empfänglich für negative Stimmungen und so ist es bis heute geblieben.

 

Je näher sich das Schuljahr dem Zeitpunkt der Prüfungen neigt, umso gespannter wird die Stimmung in einer Klasse. Erst kaum merklich, dann vor allem in stressigen Situationen und irgendwann beherrscht die Spannung das Geschehen nur allzu deutlich,

Im Kampf um gute Noten und persönlichen Erfolg, vergessen wir schnell, dass wir alle im gleichen Boot sitzen, dass wie alle ein Ziel haben und was Stimmung und Zusammenhalt eigentlich ausmachen.

 

Auch jetzt ist das nicht anders... Wir wissen, dass es noch etwa neun Wochen bis hin zum Showdown sind und fühlen uns natürlich unter Druck gesetzt, haben Angst zu versagen, sind gestresst, unsicher. Es ist deutlich spürbar, wie in dieser Phase der Konkurrenzkampf merklich in den Vordergrund rückt. "Das muss ja jeder selber wissen". "Ich kann nicht auf jeden schauen, ich muss mich um mich kümmern".

"Ja, wir haben alles Stress, hilft halt nichts. Ich muss auf meine guten Ergebnisse achten". "Keiner schreibt für mich die Prüfung".

Immer öfter fallen diese zunächst eher belanglosen Sätze. Da ich diese Klasse gerade sogar bereits zum zweiten Mal mache, darf ich auch diese Beobachtung zum zweiten Mal machen.

Für mich hat Konkurrenzkampf , vor allem in der Schule schon immer wenig Sinn ergeben, Ich lerne nicht, um "besser" als andere zu sein. Ich bilde mich weiter, um meine Ziele zu errichen, für mich selber. Was mit den anderen, um mich herum passiert, ist mir persönlich an der Stelle jedoch schon wichtig.

 

Klassen sind doch meist wie mehr oder weniger funktionale bzw. dysfunktionale Familien. Jeder hat so seine Rolle, man verbringt zwangsläufig mehr Zeit miteinander als einem lieb wäre, man kommuniziert, man diskutiert, man streitet. Jeder bringt so seine Eigenheiten, Wesenszüge und charakterlichen Eigenschaften mit, die das Zusammenarbeiten zur Herausforderung machen. Jeder hat eine gewisse Entwicklung durchlaufen, positive und negative Erfahrungen gesammelt und einfach auch sein Päckchen im Leben zu tragen. Dieser Aspekt gerät meist viel zu schnell in Vergessenheit.

Je höher die schulischen Anforderungen, desto mehr Stress ist zu bewältigen und je höher unser Stresslevel wird, umso wahrscheinlicher wird es, dass wir einen eigentlich zu rauen Umgangston pflegen, uns gegenseitig übertrumpfen wollen, nicht mehr aufeinander achten.

 

"Zusammen ist man weniger allein" - mein Lieblingsbuch, von Anna Gavalda. Vier völlig unterschiedliche, schwierige und eigensinnige Persönlichkeiten leben zusammen in einer WG, mitten in Paris und müssen lernen, miteinander auszukommen, sich aufeinander einzuspielen.

 

Für mich ist dieses "Zusammen ist man weniger allein" eine Art Leitsatz. Ich denke nicht, dass ich im Leben weniger erfolgreich sein werde, wenn ich meine Bedürfnisse auch einmal hinten anstellen kann, mir diese "Ellenbogenmentalität fehlt" - Nein! Ich glaube auch nicht daran, dass es viel bringt, sich immer zu sagen "Ich muss auf mich achten", Die Welt hat sicherlich mehr als genug Einzelkämpfer.