Maskenball und Schneeflocken

Es ist mitten in der Nacht, ich balanciere auf dem vereisten Gehweg nach Hause. Winzig kleine, zarte Schneeflocken wirbeln wie feiner Staub durch die Luft. Ich ziehe meinen Mantel fester um mich und stapfe durch diese eiskalte Februarnacht. Die unterschiedlichsten Gesatlten kommen mir entgegen. Bären, Einhörner, Piraten, Hexen. Eine Prinzessin sitzt auf den Eingangsstufen eines Hauses. Ihre Krone ist verrutscht und ihr Make-up verlaufen, Sie weint, Ich frage sie, ob ich ihr helfen könne. Sie erzählt mir, dass ihr heute jemand begegenet ist, den sie eigentlich vergessen wollte. Ich höre ihr zu. Sie entschuldigt sich immer wieder dafür, dass sie weint, ich finde das jedoch überhaupt nicht schlimm.  Irgendwann hat sie all das, was sie zum Weinen gebracht hat ausgesprochen und ich kann weitergehen. Ich denke nach und mir fällt auf, dass es schon lange her ist, als ich zum letzten Mal wirklich geweint hab.  Als ich an einem Schaufenster vorbeigehe, erhasche ich einen Blick auf mein Spiegelbild. Meine Haare sind türkis angesprüht und ich trage ein grünes Kleid unter meinem Wintermantel. Meine Augen werden von dicken, künstlichen Wimpern umrahmt und auf meiner Wange schwimmt ein kleiner orangefarbener Fisch durch grün schillerndes Seegras. Unter meinen Augen kleben schmale,  bunt glitzerde FIschschuppen und meine Lippen sind mit einem nun nicht mehr ganz so leuchtenden Lila bemalt. Ich sehe überhaupt nicht aus wie ich selbst. Ich gehe weiter und denke nach, über das was mir die Prinzessin erzählt hat. Mir fällt auf, dass es schon lange her ist, als ich zum letzten Mal wirklich geweint hab. In den letzten Monaten bin ich zäher und rationaler geworden. Meine Gefühle stehen nicht mehr so im Vordergrund und ich kann besser mit ihnen umgehen. Zumindest scheint es mir so. Die Schneeflocken werden dichter und wirbeln den lockeren Schnee, der nun den Boden bedeckt, wieder auf. Ich frage mich, ob bestimmte Erinnerungen und Gefühle, ähnlich wie der Schnee, eigentlich auch nur einen Windhauch davon entfernt sind, aufgewirbelt zu werden.

Wann ist etwas wirklich verarbeitet, abgeschlossen oder gar vergessen? Wie kann ich mir sicher sein, dass wir nicht jeden Tag aufs Neue lediglich eine Maske tragen um das, was wirklich ist unsichtbar werden zu lassen. Um uns einzureden, dass es unsichtbar ist. Dass wir vergessen können. Ist es nicht vielmehr so, dass das Leben einem nie endenden Maskenball gleicht? Die wenigen Male, die wir dann einen Blick hinter diese Verkleidung werfen dürfen, unser Gegenüber einen Augenblick lang das Wahrhaftige zeigen, sind das die Momante, die wirklich zählen? Habe ich schon so lange nicht mehr geweint, um dich geweint, weil ich nicht mehr weinen muss oder weil ich es nicht müssen will? Bin ich weitergezogen, weil ich wollte oder weil ich wusste, ich muss es wollen? Was ist das, was wirklich bleibt? Wie viele unterschiedliche Masken legen wir uns im Laufe unseres Lebens zu? Wer entscheidet, wann der Maskenball zu Ende ist?