Und noch so eine typische Weihnachtsgeschichte oder "La vie ordinaire de Lilou Lestafier"

„Der Eiffelturm wurde geschlossen. Das Betreten der schneeglatten Plattformen ohne Streusalz sei einfach zu gefährlich, ließ der Stadtrat verlauten. Salz kann bekannterweise am Wahrzeichen unserer Hauptstadt nicht eingesetzt werden, da es das Eisen angreifen würde“.

 

Lilou stellte den Fernseher ab und warf die Fernbedienung auf die andere Seite ihrer grünen Samtcouch ehe sie sich ihre dicke Wolldecke über den Kopf zog und stöhnte. Es war Donnerstag, der 23. Dezember 2010. Sie fuhr sich mit beiden Händen übers Gesicht. Zwölf Tage war es nun her, dass sie ihn zum letzten Mal gesehen hatte. Sie wusste natürlich, dass sie ihn anrufen würde müssen. Eigentlich sollte sie zu ihm gehen doch das würde sie auf keinen Fall schaffen. Seit zwölf verdammten Tagen lag sie entweder im Bett oder auf der Couch und bemitleidete sich selbst. Als hätte sie es nicht bereits von vornherein besser gewusst. Mit ihrem besten Freund zu schlafen konnte einfach nicht gut gehen. Dafür hatte sie ihn zu gut gekannt. Gewusst, wie wichtig ihm seine Unabhängigkeit ist. Wie sehr er Beziehungen aus dem Weg ging.  Sie kannten sich seit fast 20 Jahren, waren zusammen aufgewachsen und jeder wusste über die Schwächen und Fehler des Anderen Bescheid. Wenn er ihr nur nicht so fehlen würde. Das Telefon klingelte und riss sie aus ihren Gedanken. Lilou wusste, wer am anderen Ende der Leitung sein würde und dass es besser tat ranzugehen. Sie deckte sich ab und fischte das Telefon vom Couchtisch ohne aufzustehen. „Wie schön, dass du rangehst Mademoiselle! In zehn Minuten wäre ich vor deiner Tür gestanden, jetzt hast du etwas mehr Zeit Schwesterherz“. „Delphine, ich bin nicht in Stimmung für was auch immer du dir vorstellst“.

 

„Du hast keine Wahl mehr meine Liebe. Fast zwei Wochen ist es nun her und du musst auf jeden Fall raus. Wir treffen uns in zwei Stunden bei Filou und du kannst entweder dort auftauchen oder ich sage unserer Maman Bescheid und schicke sie zu dir“.  Blos nicht! Ihrer Mutter wollte sie ihn diesem Zustand keinesfalls begegnen. „Miese, kleine Erpresserin!“. Delphine lachte herzlich. „Ich liebe dich auch Chouchou. Bis nachher!“.  Lilou lies das Telefon auf den Teppich fallen und stöhnte auf. Sie roch an ihrem Pullover. Genug war nun wirklich genug. Sie schwang sich vom Sofa.

 

 

 

Der Wind blies ihr erbarmungslos ins Gesicht als sie eineinhalb Stunden später den Boulevard Barbes entlangstapfte. Zwar hatte es aufgehört zu schneien, war jedoch noch kälter geworden. Sie zog die Ärmel ihres blauen Wollmantels noch etwas weiter über die Handschuhe. Montmartre war von einer glänzenden, glasklaren Eisschicht überzogen. Ketten von Eiszapfen zierten jeden Hauseingang, jedes Schaufenster und trotz der beißenden Kälte musste Lilou die Schönheit dieser Jahreszeit einfach anerkennen. Sie bog in die Rue des Saules ein und blieb vor dem kleinen, unscheinbaren Bistro, das auch eine Bar war und in das sich niemals ein Tourist verirrte, stehen, stapfte ihre Stiefel ab, zog Handschuhe und Mütze aus, atmete tief durch und öffnete die Tür.

 

Chez Filou war der Ort, an dem sie sich regelmäßig trafen. Jeden Donnerstag. Delphine, ihre Schwester, Margot, Pauline und Suzy, ihre besten Freundinnen und eigentlich auch Enzo. Sie waren alle, genau wie der Besitzer des Bistros, Phillip, in Montmartre aufgewachsen, gemeinsam zur Schule gegangen. Ihr ganzes Leben schon kannten sie sich und Lilou wusste, wie glücklich sie sich schätzen konnte, einen solchen Freundeskreis ihren nennen zu können. „Coucou! Hier sind wir!“. Delphine streckte die Hand nach oben. Die vier Frauen saßen an der Bar während Phillip auf der anderen Seite lässig Gläser polierte. Während sie alle weiter zur Schule gegangen waren, studiert hatten und gereist waren, hatte Phillip das Bistro seines Papi nach dessen Tod übernommen und diese Entscheidung nicht eine Sekunde bereut. Lilou hing ihren Mantel an die Garderobe, stopfte Schal, Mütze und Handschuhe in dessen Ärmel und schlängelte sich an den runden Tischchen, die heute noch allesamt leer waren, hin zur Theke. Eigentlich war das Filou stets gut besucht, die andauernde Kälte hielt die Menschen in diesen Tagen jedoch zu Hause. Nachdem sie jeden begrüßt hatte, setzte sie sich neben die anderen auf einen der beiden noch freien Barhocker, der anderer wäre Enzos. Es ärgerte sie, dass sie ihn einfach nicht aus dem Kopf bekommen würde. „Du siehst schrecklich aus Chérie“, murmelte Phillip so, dass nur sie es hören konnte und stellte ihr ein Ginger-Ale in einem Bierglas hin. Er zwinkerte ihr zu. Irgendjemandem hatte sie sich schließlich anvertrauen müssen und Phillip war der einzige gewesen, bei dem sie sich absolut sicher sein konnte, dass er Enzo nichts erzählen würde. „Darauf, dass du es endlich nach draußen geschafft hast“, hob ihre Schwester ihr Glas. Lilou streckte ihr die Zunge heraus und sie stießen darauf an. „Willst du uns nicht langsam erzählen, was eigentlich wirklich passiert ist?“, wollte Pauline wissen. Margot und Suzy nippten an ihrem Bier, das sie stets mit weißem Pfirsichsirup tranken und nickten eifrig. Delphine strafte sie mit ihrem Blick. „Lilou muss uns überhaupt nichts erzählen, wenn sie nicht will. Morgen ist Weihnachten meine Lieben und ich weiß, dass Gabriel mich morgen fragen wird, ob ich ihn heiraten will“. Da Lilou dies auch schon wusste, lächelte sie nur. Margot, Pauline und Suzy jedoch schrien auf. Phillip lachte, nutzte dann jedoch die Ablenkung und beugte sich zu Lilou hinüber: „Du weißt, dass du es ihm sagen musst Chérie. Er muss Bescheid wissen“. Sie nickte schwach. Er drückte ihre Hand ehe er Delphine zurief: „Na, deine baldige Verlobung schreit doch nach ein wenig Champagner oder nicht meine Damen?“. Zustimmung prasselte auf ihn ein und lachend verschwand er in die Küche um eine Flasche Moët zu holen.

 

Einige Stunden später, in der Zwischenzeit waren überraschend Gäste gekommen und Phillip hatte ganz schön zu tun gehabt, waren die Tische bis auf einen zur Seite geschoben worden und sie tanzten in dem nun geschlossenen Bistro. Lilou liebte diesen Teil des Abends. Sie fühlte sich nicht so gut und beobachtete die anderen, wie sie sich fröhlich zur Musik bewegten. Et même quand tout le monde est contre toi. Elle reste ta meilleure amie, T'aimerais lui dire ce qu'elle représente pour toi…

 

Sie sang leise mit. Sexion d´Assaut mochte sie einfach. Delphine tanzte mit Phillip und sang so laut sie konnte. Lilou sah ihre Schwester gerne so ausgelassen. Sie nahm einen großen Schluck Ginger-Ale. Gerade als sie aufstehen und sich nachschenken wollte, schwang die Küchentür auf und Lilou wurde schlagartig speiübel. Sie presste sich die Hand auf den Mund und rannte zu den Toiletten. Gerade noch rechtzeitig. Als sie einige Minuten später die Toilettenkabine völlig erschöpft wieder verließ, versperrte er ihr den Weg zum Waschbecken. „Nett, dass dich mein Anblick mittlerweile zum Kotzen bringt“. Sie starrte ihn entgeistert an. „Du siehst absolut scheiße aus Lilou“. „Geh mir aus dem Weg Enzo“. Sie wollte ihn zur Seite schieben aber er packte ihr Handgelenk und zog sie näher zu sich. „Willst du mir nicht langsam erklären was eigentlich los ist? Du reagierst nicht auf meine Anrufe, antwortest nicht auf meine Nachrichten, wenn ich bei dir klingle, dann ignorierst du mich. Was zum Teufel hab´ ich dir denn getan?“. Sie entriss ihm ihre Hand und schob ihn unsanft zur Seite um zum Waschbecken zu gelangen. Er beobachtete sie, während sie ihre Hände wusch und sich den Mund ausspülte. Als sie sich abtrocknete, platzierte er sich so, dass sie nicht zurück in den Gastraum gehen konnte ohne sich mit ihm auseinanderzusetzen. „Verdammt nochmal Enzo, lass den Scheiß doch einfach“, sagte sie müde. „Gar nichts lass ich sein. Du bist mir zumindest eine Erklärung schuldig Lil´. Was ist das für dich mit uns beiden? Kannst du mir nicht einfach ins Gesicht sagen was du fühlst?“.

 

„Was ich fühle? Was spielt das denn für eine Rolle? Du bist doch der, der nicht ehrlich sein kann. Anstatt mir zu sagen, dass das für dich nur Sex ist und du dich auch mit anderen triffst, spielst du mit mir! So, als würden wir uns nicht schon immer kennen und als wäre ich eine deiner dämlichen Bimbos mit denen du dich so gerne abgibst! Du warst mein bester Freund du Arsch und wir wollten ehrlich sein und unsere Freundschaft nicht vergessen!“. Sie wurde immer lauter.

 

 „Von was zum Teufel redest du denn eigentlich Lilou? Seit zwölf Tagen versuche ich dich zu erreichen. Seit zwölf Tagen ignorierst du mich. Ohne mir auch nur im Geringsten zu erklären, was ich denn eigentlich getan hab. Es lief doch gut mit uns. Ehrlich gesagt, mehr als gut. Ich kann mich nicht erinnern, mich schon einmal so gut mit jemand anderem gefühlt zu haben wie mit dir“.

 

„Hör auf, so etwas zu sagen! Das tust du jetzt nur, weil du es nicht ertragen kannst, dass ich diejenige bin, die dem ein Ende bereitet hat“. „Hörst du dir eigentlich selber zu Lil´?“, schrie er nun. Sie wich erschrocken zurück. Enzo ging einen Schritt auf sie zu. Tränen liefen ihr die Wangen herunter. „Sag mir, was los ist“. Er hob ihr Kinn an und blickte ihr unverwandt in die großen, grünen Augen.
„Ich war bei dir im Büro. Ich wollte dir etwas ziemlich Wichtiges erzählen“. Enzo runzelte die Stirn und für sich mit den Fingern durch seine hellbraunen Locken. „Ich habe nicht angeklopft. Du warst da drinnen und sie hatte sich über dich gebeugt, ihre Hände waren in deinen Haaren. Ihr habt euch geküsst“. Ihre Stimme war leise und verletzlich. Sie war sich nicht sicher, ob sie gerade das Richtige tat. Er verbarg sein Gesicht in den Händen. „Lilou. Warum hast du denn nichts gesagt?“.

 

„Weil ich mir sicher war, dass es einfach so kommen musste. Ich kenne dich fast mein ganzes Leben und du hasst es, dich an jemanden zu binden. Du bist gerne alleine. Ich bin nicht so wie du“.

 

„Lilou“, er wischte sich mit den Händen über die Augen und sah sie dann eindringlich an. „Das, was du an diesem Tag gesehen hast, ist nicht das, was tatsächlich passiert ist und ich weiß ganz genau, wie dämlich sich das jetzt anhört. Ich verstehe, dass dich das verletzt haben muss, was ich jedoch überhaupt nicht nachvollziehen kann ist, dass du einfach nichts gesagt hast. Warum hast du mich nicht zur Rede gestellt? Die Lilou, die ich eigentlich kenne, hätte mir die Hölle heiß gemacht! Was ist los?“.

 

„Ich muss jetzt los Enzo. Ich fühl mich nicht besonders gut“, sie versuchte ihn zur Seite zu schieben aber er wollte sie so auf keinen Fall gehen lassen. Er zog sie so nah und so fest an sich, dass kein Blatt Papier mehr zwischen sie passte. „Lass mich los“. „Sag mir, was mit dir ist“. „Ich will, dass du mich in Ruhe lässt“. „Willst du nicht!“. „Enzo, lass mich jetzt! Du wolltest eine Erklärung, jetzt hast du eine. Lass. Mich. Gehen.“. Sie war aufgebracht, er jedoch nicht weniger.

 

„Du hast gar nichts erklärt, verdammt nochmal“, schrie er sie an. Sie riss sich von ihm los und fauchte ihn an: „Na schön! Du willst wissen, was los ist? Ich bin schwanger von dir du verdammter Idiot. Ich bin schwanger von jemandem, der Beziehungen und Hochzeiten und Kinder und all das lächerlich findet. Von jemandem, der sich lieber das Bein abschneiden als sich an jemanden binden würde“.

 

Geschockt starrte er sie an. „Ja, jetzt fällt dir nichts mehr ein, nicht wahr?“. Sie schob ihn zur Seite und rannte hinaus in den Gastraum. Phillip, Delphine, Margot, Pauline und Suzy hatten alles mitangehört. Es war totenstill im Bistro. „Lilou“, hauchte Delphine.

 

 „Ich will von keinem von euch auch nur ein einziges Wort hören! Vor Allem nicht von dir, Delphine“, stellte sie klar, ehe sie sich ihre Sachen schnappt und das Lokal verließ.

 

Am nächsten Tag machte sich Lilou gegen Mittag auf den Weg zu ihren Eltern. Sie würden Heilig Abend zusammen verbringen. Delphine hatte mehrmals versucht sie anzurufen, doch sie war nicht rangegangen. Auch die zahlreichen Nachrichten der anderen hatte sie ignoriert. Sie wollte kein Mitleid und sie wollte erst recht nichts darüber hören, wie schnell Enzo sich vermutlich aus dem Staub gemacht hatte, nachdem er nun die Wahrheit kannte. Von ihm kam nämlich seit gestern Nacht nichts! Es war noch kälter geworden. Ihr war übel, eiskalt und nach dem Blick der anderen Fußgänger zu urteilen, sah sie einfach nur schrecklich aus.

 

Der Weihnachtsabend verlief wie in jedem Jahr. Delphine hatte ihren Eltern nichts von Lilous Zustand erzählt und glücklicherweise beschlossen auch sie erst einmal in Ruhe zu lassen. Lilou half ihrer Mutter bei der Zubereitung des Desserts. Für den Braten war jedes Jahr ihr Vater zuständig. Sie gingen zur Messe, aßen und zur Bescherung fragte Gabriel ihre Schwester, wie vorausgesagt, ob sie seine Frau werden wolle. Lilou verabschiedete sich, sobald es in Ordnung war zu gehen. Beim Abschied raunte ihr Delphine ins Ohr: „Du hast nicht weniger Angst dich zu binden als er“.

 

Ihre Eltern hatten ihr Jane Austens Gesamtwerk geschenkt und sobald sie zu Hause ankommen würde, würde sie sich einen Bademantel überwerfen und drauf los lesen. An ihrem Haus angekommen, gab sie den Code ein und lief über den bepflanzten Innenhof zur Holztür über die man in ihr Appartement gelangte. Sie stieg die zahlreichen Stufen hinauf ins Dachgeschoss und blieb dann stehen. Vor ihrer Tür saß er. In seiner Hand war eine Rose an der ein Schnuller baumelte. Sie legte den Kopf schief und schaute ihn an.

 

„Ich hätte gestern schon hier stehen müssen. Nein, ich hätte dich vielmehr gar nicht gehen lassen dürfen oder dir zumindest hinterhergehen müssen“. Sie nickte. „Es wäre gelogen zu sagen, dass mich diese Nachricht nicht absolut schockiert hat und dass ich nicht gestern im ersten Moment den Drang hatte wegzulaufen“. Sie nickte ein weiteres Mal. „Lilou, du bist meine beste Freundin, du bist der Mensch, der mich länger und besser kennt, als irgendjemand anders und ich will dir nicht wehtun. Ich will dich nicht unglücklich machen und ich kann mir nur im Entferntesten vorstellen, wie es dir jetzt geht“. Er bekam wieder nichts als ein stummes Nicken. „Ich liebe dich Lilou und ich kann absolut verstehen, wenn du sagst, du willst kein Kind von jemandem wie mir, wenn du dich entscheidest es nicht zu bekommen aber ich will, dass du weißt, dass ich dich wirklich liebe. So sehr, dass es mir Angst macht. Und wenn du tatsächlich bereit dazu wärst, dieses Baby mit mir zu bekommen, würde ich alles tun, was in meiner Macht steht um dich glücklich zu machen. Ich habe nie darüber nachgedacht, jemals Kinder zu bekommen aber ich kann mir niemand besseren auf dieser Welt vorstellen als dich. Bitte gib mir diese Chance. Uns“. Er streckte ihr die Rose entgegen. Sie sah ihn verlegen an. Biss sich auf die Lippen. Sein Blick war so ehrlich, so aufrichtig und sie wusste, was es ihn kostete, sich so zu offenbaren. Ganz langsam nickte sie. „Ja?“. Ein weiteres Nicken. Er ging die wenigen Stufen zu ihr herab, hob ihr Gesicht an und küsste sie.