Wie es tatsächlich ist, mit einer Angststörung zu leben

 

 

Vermutlich ist das der persönlichste Blog, den ich je verfasst habe und ich bin mir nicht sicher ob ich ihn veröffentlichen soll und kann.

 

 

Angst. Sie ist grundsätzlich etwas sehr wichtiges. Sie schützt uns. Angst zu fühlen ist eine durchaus notwendige und  auch völlig normale Reaktion.

 

Was aber, wenn die Angst eben nicht normal ist. Nicht verhältnismäßig. Was, wenn sie immer da ist und dein Leben auf den Kopf stellt?

 

 

Ich lebe seit meiner frühesten Kindheit mit einer Angst- sowie einer Zwangsstörung. Die eine bedingt die andere natürlich durchaus.

Die Angst ist also mein ständiger Begleiter. Sie steht hinter mir, umarmt mich, hält mich fest, packt mich, wirft mich zu Boden. Sie ist immer da.

 

Ich habe schon sehr früh bemerkt, dass etwas mit mir nicht stimmt. Während andere Kinder völlig frei und von ihren Impulsen geleitet agieren konnten, habe ich mich stets versucht unter Kontrolle zu halten. Nicht zu laut zu reden. Keinerlei unangebrachtes Verhalten zu zeigen. Nicht auffallen. Ich hatte und habe die allergrößte Panik davor, dass jemand mein wahres „Ich“ sehen könnte. Warum? Weil ich davon überzeugt war und leider manchmal noch immer bin, dass dies so unglaublich hässlich ist, dass niemand es je lieben könnte. Damit es nicht zu diesem, meinem Horrorszenario kommen kann, hab ich mir so allerhand kluge, verdeckte Kontrollmechanismen einfallen lassen.

 

Ich wollte schlichtweg so leben, dass mich niemand bemerkt. Niemand sollte zu mir vordringen können. Niemand sollte mir etwas bedeuten. Ich fühlte mich schuldig ohne zu wissen warum. Ich war und bin auch noch immer zum Teil davon überzeugt, dass es mich nicht geben hätte sollen, dass ich meine Existenz wieder „gut machen“ muss.

 

 

 

Viele, viele Jahre lang schaffte ich es, diese von mir mit Sorgfalt gebaute Mauer aufrecht zu erhalten. Ich pflegte sie wie einen Geliebten. Sie wurde immer höher und höher und schließlich so hoch, dass ich mir sicher sein konnte, dass niemand sich je die Mühe machen würde sie zu überwinden.

 

Ich dachte, das wäre gut so doch in Wirklichkeit wurde ich einfach nur einsam. So einsam, dass ich dieses Gefühl nicht mehr ertragen konnte. Und so kontrollierte ich meine Emotionen mit absoluter Genauigkeit.

 

 

Nach außen hin, war ich „perfekt“. Jeder mochte mich gerne. Ich war die, die immer allen half. Die, auf die man sich immer verlassen konnte. Die, die zu jedem zu passen schien.

 

Ich war eine leere Hülle ohne den Hauch von Leben und passte mich, farblos wie ich war in jeder Situation absolut perfekt an die Gegebenheiten an. Ich versuchte stets, mich so klein wie möglich zu machen und anderen den Raum zu geben der ihnen, meiner Meinung nach, rechtmäßiger zustand als mir.

 

Die Einsamkeit fraß und frisst mich auf. Sie nimmt mir die Luft zum Atmen, überkommt mich wann immer es ihr beliebt und das Schlimme ist, dass ich sie ertrage. Ich ertrage sie, weil meine Angst verletzt und enttäuscht zu werden – mein Gegenüber zu enttäuschen so unglaublich groß ist.

 

 

Freunde? Ehrlich gesagt gibt es so gut wie niemanden, der mich wirklich, wahrhaftig kennt. Ich zeige immer nur so viel, wie ich will und kann. Nur einen winzig kleinen Ausschnitt von mir.

 

Immer wieder hoffe ich, dass ich irgendjemandem genug bedeute, um diese verdammte Mauer zu überwinden. Natürlich weiß ich, dass ich allein den ersten Schritt wagen muss. Es tut weh. Ich spüre die Angst. Im meinem Körper. Überall. Meine Gelenke und mein Rücken schmerzen. Mein Nacken brennt vor Anstrengung. Es ist die Angst, die mir im Nacken sitzt.

 

 

 

Ich will dass sie verschwindet. Mich frei lässt. Ich will jemandem vertrauen können. Ich will nicht mehr allein sein. Ich will nicht mehr einsam sein. Ich will normal sein. Freunde haben. Ich will mich nicht mehr schuldig fühlen.

 

 

Das Schlimmste ist, dass ich meine Angst so gut nachvollziehen  kann. Ich weiß, woher sie kommt. Ich weiß, warum es sie gibt. Ich kenne mich.

Ich verstehe meine Bewältigungsmechanismen, meine Zwänge. All das verstehe ich und kann doch nichts dagegen tun. Ich fühle mich so hilflos.

 

 

Wo sind der Mut und die Wut, die in mir schlummern? Ich will nichts mehr als frei sein.

 

 

Angst. Sie ist grundsätzlich etwas sehr wichtiges. Sie schützt uns. Angst zu fühlen ist eine durchaus notwendige und  auch völlig normale Reaktion.

 

Was aber, wenn die Angst eben nicht normal ist. Nicht verhältnismäßig. Was, wenn sie immer da ist und dein Leben auf den Kopf stellt?