Klassenzimmer

Alles braucht seine Zeit. Drei Monate lang war meine "Auszeit". Ich hab geschrieben, war wandern, hab die Sonne aufgesogen und war für mich. Seit fast einem Monat ist diese Zeit nun jedoch auch schon Vergangenheit. Ich gehe wieder zur Schule und irgendwie bin ich dort noch nicht wirklich wieder angekommen. Auch du bist dort nicht angekommen.

 

Jedes Jahr dieselben Stolpersteine. Neue Menschen. Fremde Menschen. Für die meisten unter uns ist dies ja völlig normal und stellt kein besonderes Hindernis dar. Für mich ist diese Anfangsphase in der ich jemand neuen und in meinem Fall eine ganze Schulklasse kennenlernen darf und muss nicht wirklich angenehm. Trotz der Tatsache, dass du gar nicht da bist und ich auch eigentlich über dich hinweg bin, bist du noch viel zu oft in meinen Gedanken. Das macht es nicht leichter. Ich bin unsicher, weiß nicht so recht was und wieviel ich sagen soll und fühl mich unwohl unter all diesen neuen Leuten. Es braucht immer einige Tage bis ich lockerer werde, die körperliche Anspannung im Klassenzimmer weniger wird. Nun sind es schon einige Wochen und ich bin noch immer angespannt, fühl mich unwohl, hab Ängste. Es sind unglaublich freundliche, offene und interessante Menschen, mit denen ich dort lernen kann und darf und ich verstehe nicht, was eigentlich mein Problem ist. ärgere mich über meine Eigenheit. Diese Auszeit hat mich noch sensibler und noch nachdenklicher gemacht und meine Selbstwahrnehmung verschlechtert. Das ist anstrengend, vor Allem, weil ich das so gar nicht will.

 

Irgendwie hab ich mich in diesem Sommer nochmal verändert. Das ist wohl ein Teil. Der andere ist, dass in diesem Jahr etwas anders ist. Neu ist. Dieses Buch, Mein Buch. Als der Vorschlag, dieses als Lektüre zu lesen zum ersten Mal kam, hab ich sehr schnell "Nein" gesagt. Nach einem Gespräch und ein bisschen hin und her dann doch ja und jetzt, bin ich mir nicht mehr so sicher, ob das wirklich eine so gute Idee gewesen ist. "Warum hast du denn ein Buch geschrieben, wenn du gar nicht willst, dass man es liest", werde ich immer häufiger gefragt. Das ist gar nicht so einfach zu erklären... Ich will schon, dass meine Geschichten, mein Blog, meine Texte, mein Roman gelesen werden. Was mir einfach sehr schwer fällt ist, dass mich das Veröffentlichen auffälliger gemacht hat. Das gefällt mir nicht. Ich bin jemand, der sich sehr wohl fühlt, wenn er nicht auffällt, nicht beachtet wird, ein bisschen unter geht. Und jetzt lesen wir mein Buch. Meine Geschichte. In der viel von mir steckt. Das ist komisch und es macht mir dieses Ankommen schwer. Natürlich hätte ich auch bei meinem "Nein" bleiben können, klar. Irgendwie dachte ich jedoch: "Hey, spring über deinen Schatten. Mach etwas, das du sonst nicht tun würdest". Ich glaube, es war zu früh. Im Gegensatz zur Mina aus meinem Buch hab ich nämlich noch nicht gelernt, mich anzunehmen. Statt mich langsam zu entspannen, werde ich immer angespannter. Ich arbeite viel, schreibe kaum noch und schlafe viel zu wenig. An den Wochenenden versuche ich draußen zu sein, Ruhe zu finden. Nichts will mir so recht gelingen.

 

Der Weg ins Klassenzimmer fällt mir mit jedem Tag ein bischen schwerer. Meine Ängste nehmen zu. Meine Haut wird mit jedem Tag durchlässiger. Das wirft mich aus der Bahn. Auch du wirfst mich trotz Allem noch immer aus der Bahn. Ich hör deinen Namen und er breitet sich langsam wieder aus. Dieser Kummer. Ich seh dich und es kommt zurück. Dieses Gefühl. Dass ich nicht genug bin. Man sich bei mir nicht entschulldigen muss. Ich es nicht wert bin, gut behandelt zu werden. All diese Gedanken gehen nicht weg. Sie haben Wurzen geschlagen und sie verhindern dieses, mein Ankommen, das ich so dringend bräuchte. Diese Angst, dass andere auch so sein könnten wie du sitzt ganz schön tief. Ich will sie loslassen können. Ich will das schaffen, was ich mir vorgenommen habe und gerade in diesem Moment habe ich das Gefühl, nichts zu schaffen. Wenn ich aus der Schule rauskomme, überkommt mich tiefe Erschöpfung, ergreift Besitz von mir und hindert mich daran voranzukommen. Ich muss Geduld haben, Kann nicht einfach losrennen. Ein Schritt, ein Atemzug, Ein Besenstrich, Ich kann dieses, mein Ankommen nicht erzwingen. Alles braucht seine Zeit und für mich steht diese Zeit gerade leider irgendwie still - in diesem Klassenzimmer, in dem auch dein Platz gewesen wäre...