Von Kindern und den Menschen, die sie einmal sein werden

Wie wichtig unsere Kindheit tatsächlich war, merken wir eigentlich erst so richtig, wenn in unserem Erwachsenen Leben so einiges schief läuft. Klar, jeder weiß, dass die ersten Lebensjahre die wirklich prägenden sind und sicherlich ist auch jedem heutzutage "demokratische Erziehung" ein Begriff. Wir wissen, welche negativen Auswirkungen ein autoritäres Elternhaus haben kann. Es gibt unzählige Ratgeber um uns auf das Eltern sein vorzubereiten und ich glaube, jede Mama und jeder Papa hat in mindestes einen reingelesen. "Kinder brauchen Grenzen", "Jedes Kind kann schlafen lernen", "Der entspannte Weg durch Trotzphasen". Man kann sich ja aus jedem einfach das rauspicken, was man für richtig hält und dann wird das schon klappen, oder? Außerdem ist uns ja ohnehin auch klar, dass es die perfekten Eltern nicht gibt. "Jeder macht doch Fehler". "Man ist ja schließlich auch nur ein Mensch". "Im Alltag geht es nun mal einfach nicht anders". "Alles kann ich auch nicht machen"."Früher hat man sich auch nicht so viele Gedanken um Erziehung gemacht". "Man kann es aber auch übertreiben".

Ich habe fünf Jahre lang in einer Kinderkrippe gearbeitet, die nach antroposophischem Grundsatz geführt wurde und bin selbst zweifache Mama und Sätze wie diese, habe ich unzählige Male schon gehört, sicherlich den ein oder anderen früher auch von mir selbst. Irgendwann, während meiner Arbeit und dem Leben mit kleinen Kindern habe ich mir die Frage gestellt, ob mir, ob uns die Verantwortung die wir als Eltern, als Erzieher tragen wirklich bewusst ist. So, dass wir sie wirklich verstehen. Verstehen wir wirklich was es bedeutet, einen anderen Menschen zu "erziehen". Ist "Erziehung" vielleicht gar nicht der richtige Weg?

 

Obwohl die Wissenschaft heutzutage bereits weiß, dass wir innerhalb der Pädagogik/Psychologie im Bezug auf Kinder dem ein oder anderen Irrtum aufgelaufen sind, gibt es im Allgemeinen weiterhin eine ganz klare Trennung zwischen Kindern und Erwachsenen - den Erziehern und dem zu erziehenden Individuum. Irgendwie schien mir das für mich nicht richtig zu sein. Vorsicht, das bedeutet keineswegs, dass ich Kinder wie kleine Erwachsene behandle, nein, jedoch wie kleine Menschen. Ich hatte das Gefühl, dass die Betrachtung auf ein Kind als "zu erziehendes Individuum" irgendwie miteinschließt, dass etwas an diesem Kind nicht ganz stimmt und dann eben an- oder wegerzogen werden muss. "Gewünschtes Verhalten soll erlernt werden und unerwünschtes abgebaut". Das Verhalten, das mir als Erwachsener, als Erzieher also gefällt, verstärke ich. Das, was mir nicht so passt, versuche ich loszuwerden. Für mich war nicht klar, wo innerhalb dieses Modells die Würde des Kindes tatsächlich erhalten bleibt. Mir schien das Kind hier eher Objekt als kleiner Mensch zu sein.

 

Im Zuge dessen habe ich mich mit dem Modell des "unerzogenen Kindes" beschäftigt, das vor Allem auf Beziehung statt Erziehung setzt. Dies ist jedoch weniger ein "Modell" als eine Philosophie. Wenn ich auf Beziehung statt Erziehung setze bedeutet das anzuerkennen, dass mein Kind ein eigenständiger kleiner Mensch ist, dem ich meine Sichtweise nicht einfach aufdrängen darf. Es bedeutet ebenso anzuerkennen, dass ich mich auf einer Ebene mit meinem Kind befinde und nicht besser, schlauer oder stärker bin. Es bedeutet, dass ich meine Macht in der Verantwortung nicht missverstehe und missbrauche. Keineswegs heißt das, dass dem Kind alles "erlaubt" wird und es letztendlich "machen kann was es will". Nein! Vielmehr geht es um das Bewusstsein, dass ich als Mama einen Menschen begleite, der zwar jetzt klein ist, jedoch irgendwann selbst erwachsen sein wird, selbst Entscheidungen treffen kann und muss. Begleiten ist das Stichwort. Schutz geben, wenn Schutz gebraucht wird, loslassen, wenn losgelassen werden muss, halten, wenn Halt gebraucht wird. Begleitung statt Erziehung. Ich begleite einen kleinen Menschen auf seinem Weg, seiner Reise auf dieser Welt  und bei seinen Erfahrungen. Ich halte mich zurück, wenn es wichtig ist und bringe mich ein, wenn nötig. Bisher klappt dies für uns sehr gut.

Ich habe als Mama das Gefühl, dass ich mit dieser Sichtweise, mit diesem Bewusstsein näher an dem sein kann, wie es idealerweise sein sollte. Beziehung und Begleitung statt "Erziehung" gewährleistet für mich die Würde des kleinen Kindes und das Verantwortungsbewusstsein, dass meine Worte, meine Taten, meine Sichtweise das Wesen meines Kindes prägen.

 

Kein gehorsames Kind kann je ein freier Mensch werden. Und ist es nicht das, was wir uns wünschen? Kleine Menschen so zu begleiten, dass sie sich lieben, annehmen, achten und so wahrhaftig frei sein können.