Von neuen Gewässern und alten Geistern

Es ist warm aber es regnet in Strömen. Ich bin barfuß, mein schwarzes Kleid ist völlig durchnässt. Um meine Schultern habe ich ein grünes Tuch, mit vielen, bunten Blumen drauf, geschlungen. Auch dieses hat sich mit Wasser vollgesogen. Meine dunklen Locken zieren viele dicke Regentropfen. Während ich in dieser Sommernacht nach Hause laufe, bin ich glücklich. Der Regen ist mein Element. Ich liebe nichts so sehr, wie im warmen Sommerregen zu spazieren. Ja, ich mag die Sonne, den Schnee, den Wind aber den Regen liebe ich. Er gibt mir das Gefühl, am Leben zu sein. Wenn Tropfen für Tropfen auf meine nackten Arme prasselt, meine Füße die kleinen Bäche auf den Gehsteigen überqueren und meine Zunge den leicht salzigen Geschmack aufnimmt, dann fange ich an mich zu spüren. Diese Nacht ist wie viele Nächte, dieser Regen ist wie all seine Brüder und doch ist es heute völlig neu, völlig anders. Ich bin zum ersten Mal in meinem Leben wirklich alleine. Ich gehe nach Hause und es ist mein Zuhause, Ich bin allein. Und ich habe keine Angst mehr. Ich habe neu angefangen, habe die Geister aus meiner Vergangenheit beschworen und ihnen ihre Macht über mich weggenommen. Nach und nach verblassen ihre dunklen Gestalten. Es fühlt sich an, als würde der Regen, dieser Regen, all das wegspülen, was an mir haftete. All diese alten und grauen Gedanken, die Menschen, die immer weniger wichtig sind und all die Erinnerungen, die so schmerzhaft waren. Es fühlt sich an, als würde durch genau diesen Regen die Freude dem Kummer die Hand reichen und sagen: "Du und ich, wir gehören zusammen". Und während mich dieser Regen reinwäscht, mir unbekannte Meere zeigt und mich an neue Ufer spült, stehst du plötzlich da. Unerwartet. Eine Welle des Kummers überkommt mich und ich kann mich nicht davor schützen. Es war alles gut. Warum stehst du auf einmal da? Deine schwarze Jacke fest um deinen langen, schlaksigen Körper geschlungen, die Kapuze bedeckt deine bernsteinfarbenen Haare. Ich schaue dich an und ich weiß nicht einmal, ob du mich ebenso ansiehst. Alles was ich weiß ist, dass ich dich nicht sehen will. Du bist der Geist, dessen Farben nicht verblassen wollen. Immer und immer wieder versuche ich auch über dich diesen grauen Schleier der Vergangenheit zu ziehen und dir die Macht über mich wegzunehmen. Warum nur gelingt es mir ausgerechnet bei dir nicht? Der Regen fühlt sich ganz plötzlich nicht mehr gut an. Tausend kleine Nadeln prasseln auf mich ein, Panik überkommt mich. Ich will dich nicht sehen, Will nichts fühlen, das du auslöst. Ich laufe los. Laufe weg. Vor dir und den Geistern, die du in mir weckst. Zuhause angekommen. stelle ich mich unter die heiße Dusche. Tränen laufen mir die Wangen herunter. Ich bin wütend auf dich. Ich bin wütend über meine Gefühle, meine Gedanken. Wer bist du, der so viel in mir auslösen kann, diese Angst in mir auslösen kann? Du bist der letzte Geist, der noch übrig ist aus dieser Zeit, in der ich nicht ich war und du vermutlich so sehr du selbst, dass du es nicht verstehen kannst. Nicht verstehen willst. Ich kann dich nicht bezwingen, kann dir deine Macht nicht entziehen. Noch nicht. Ich fühle mich klein und unbedeutend. Ich wollte ein einziges Mal hören, dass es dir nicht egal ist, dass ich dir nicht egal bin. Das war zu viel verlangt. Ich verstehe  dich immer mehr aber ich will dich nicht verstehen können. Ich will wütend auf dich sein und ich will, dass du mir gleichgültig bist. Wann wird dieser Tag endlich kommen? Wann kommt der Regen, der mich endgültig in diese neuen, strahlend blauen Gewässer führt, die ich schon kurz sehen konnte und die alten Geister, von denen du der größte, der stärkste und der schillerndste bist, endlich vollkommen verblassen lässt? Wann kommt er? Dieser Regen. Mein Regen.