Rezept für ein wirklich gelungenes Drama

Man wirft mir vor, in persönlichen Beziehungen ganz besonders dramatisch zu sein. Leider muss ich mich zu dieser Aussage auch noch schuldig bekennen. Ich spreche viel, viel, viel zu oft über meine Gefühle, weine ständig und fuchtle erschreckend wild mit den Händen umher, um meine Aussagen zu verdeutlichen. Außerdem erkläre ich mich stest äußerst symbolhaft und mitunter durchaus kryptisch. Während ich dies so schreibe, muss ich lachen. Im Nachhinein denke ich mir nämlich stets: "Du lieber Himmel, halb so viel Drama wäre tatsächlich immer noch mehr als genug gewesen". In dem jeweiligen Moment jedoch, ist mir meine Melodramatik keineswegs bewusst.

Wenn mich eine Sache wirklich, wirklich berührt, sei es positiv oder negativ, dann gibt es für mich kein Halten mehr. Ein bisschen Goethe, eine Prise Eichendorff, ein Hauch Exupéry und das Sahnehäubchen darf natürlich nicht fehlen - Shakespeare. Ich beherrsche kaum etwas so gut, wie Zitate großer Schriftssteller in meine ellenlangen Monologe einzubauen. Jene halte ich nämlich, sobald ein Thema mein Herz betrifft. Ich kenne dann keinen Punkt. Mein Kopf schaltet ab und während ich sinngemäß zitiere: "Aber ich muss doch finden, was die Welt im Innersten zusammenhält" (Faust), fühle ich mich wohl wirklich frei. Diese Freiheit hat jedoch einen sehr hohen Preis. Kein Mensch versteht, um was es mit tatsächlich geht. Mir ist durchaus bewusst, dass die meisten Dinge, die ich in solchen Momenten sage, durchaus ihre Berechtigung haben. Diese hätten sie jedoch noch immer, wenn ich nur halb so viel sprechen und schreiben, halb so dramatisch inszenieren und halb so viel zitieren würde. Ich könnte mich so viel kürzer fassen. Oft ist mein Gegenüber maßlos überfordert und versteht nicht einmal die Hälfte von dem, was ich eigentlich sagen will. Frustrierend für beide Seiten...

"Du machst aus allem immer ein Drama". Diesen Satz habe ich seit meiner Kindheit eigentlich täglich von den unterschiedlichsten Menschen zu hören bekommen. Ich glaube, zu Beginn war dem vielleicht noch gar nicht so doch wie eine sich selbst erfüllende Prophezeiung hat sich diese Phrase in meinem Erleben und Handeln  manifestiert. Als ich dies schließlich bemerkte, war es wirklich gar nicht so einfach, diese zuweilen, für mich und auch andere, durchaus nervige Eigenschaft abzulegen. Ich arbeitete jedoch mit großem Fleiß daran. Und genau an dieser Stelle, an der ich versuchte weniger dramatisch zu sein, ereignete sich dann die Tragikomödie schlechthin. Die perfekte Symbiose aus Drama und Komödie.

 

Ich steh vor dir und sage: "Aber ich kann mich ändern. Ich hab mich geändert". "Menschen können sich ändern, da hast du recht". "Ich habe mich wirklich geändert, ich habe ein Buch darüber geschrieben und ich schau mich jeden Tag im Spiegel an und versuche, die Dinge, die ich nicht weitertragen will, zu ändern". Du verdrehst die Augen. Ich philosophiere vor mich hin, möchte, dass du mich verstehst. Tust du natürlich nicht. Kannst du gar nicht. "Das ist dein Problem. Jeder ist schließlich sich selbst der Nächste". Als du diesen Satz aussprichst, wird mir klar, dass dies tatsächlich das ist, was du für richtig hältst und allem widerspricht, was meine Grundannahmen definiert. Es fällt mir wie Schuppen von den Augen. Ich bin wahrlich angewidert. Wie konnte ich mich so hochdramatisch und absolut dämlich in jemandem verlieren, der ernsthaft daran glaubt, jeder sei sich selbst der Nächste und diesen Grundsatz auch noch so sehr lebt? Wie dämlich war ich eigentlich? Das ist wahrlich dramatisch!

 

Was macht es also aus, ein wirklich gelungenes Drama?

Zwei Menschen. So unterschiedlich, wie nur möglich. Einige Gläser Wein, etliche tiefgreifende Gespräche bei Nacht und die Illusion. Die Illusion die jemand versucht hat zu kreieren um seine Mängel zu verstecken. Die Illusion, die ich so lange nicht durchschautc habe. Der Moment, in dem der Schleier genau dieser Illusion wirklich gelüftet wird und das zum Vorschein kommt, was tatsächlich, wahrhaftig in jemandem steckt, dieser Moment ist wohl der dramatischte. Man muss sich selbst eingestehen, dass man einem ganz großen Schauspieler auf den Leim gegangen ist. Tragisch. Amüsant. Was bleibt, ist ein neues Gefühl der Freiheit, für das der Preis letztendlich so viel weniger hoch ist, als erwartet.