Das kleine Ich bin ich

Es ist so, als wäre es erst gestern gewesen. Ich war etwa vier Jahre alt. Im Kindergarten hatten wir ein neues Buch. Es war grün und man sah darauf ein ganz merkwürdiges, kleines, buntes Tierchen. Das Tierchen hatte überhaupt keine Ahnung wer es war und warum es da war. Es spazierte über die grüne Wiese und traf einen Frosch. Der Frosch wollte wissen, was für ein Tier es sei. Das kleine Wesen jedoch kannte die Antwort darauf nicht. Es war ganz verzweifelt und fragte nun ganz viele andere Tiere ob sie denn wüssten was es sei. Keiner kannte die Antwort. Schließlich fragte sich das kleine, bunte Tier: "Wenn keiner weiß wer ich bin, gibt es mich dann überhaupt?". Dann erkannte es plötzlich:"Ich bin da! Natürlich gibt es mich". Ich bin ich!

 

Ich bin ich - dieser Satz beschäftigte mich mein Leben lang. dieses Ich, das mir so schwer zu greifen schien. Die Suche nach mir selbst, zog sich wie ein roter Faden durch mein Leben. Ich war getrieben von dieser Sehnsucht nach etwas, das ich nicht benennen konnte. Meine Selbstwahrnehmung war immer sehr unsicher und von der Annahme "Ich bin anders" geprägt. Ich versuchte meine Identität also in der Abgrenzung zu finden. Je älter ich wurde, umso mehr definierte ich mich über dieses "anders sein". Ich war davon überzeugt, irgendetwas merkwürdiges, besonderes, anders Wirkendes an mir zu haben und begann diese Empfindung zu zelebrieren. Was mir nicht klar war, war die simple Tatsache, dass mich dieser Prozess lediglich von meinem wahren Selbst entfernte, Ich inszenierte mich. Mit den größten Gefühlen. Ich wünschte mir eigentlich nichts mehr, als echt, wahrhaftig und authentisch zu sein. Meine Selbstinszenierung basierte jedoch nur auf einer künstlich hergestellten Identität. Das Gefühl der Unzulänglichkeit blieb. Dann lernte ich dich kennen. Du warst so völlig anders, als alle die mir zuvor begegnet waren. Ich war fasziniert von deinem schillernden Wesen und bemerkte zum ersten Mal in meinem Leben wirklich, dass ich unglaublich Angst davor hatte, dass jemand mein wahres ich erkennen könnte. Und so inszenierte ich weiter. Die Tatsache, dass es in meinem Leben zu dieser Zeit drunter und drüber ging, spielt mir in die Hände. Ich war Schauspielerin und Zuschauerin zugleich, Schicht für Schicht trug ich meine künstliche Identität immer dicker auf sodass selbst ich nicht mehr sicher war, was sich eigentlich darunter verbarg. Du hast mir einen Spiegel vorgehalten. Zu Beginn war mir das noch nicht wirklich klar. ich war wütend auf dich und enttäuscht von dir. Ich fühlte mich als Opfer. Das war ich keineswegs! Im Gegenteil. Meine Selbstinszenierung war natürlich manipulativ, beeinflussend und heuchlerisch - wenn auch nicht absichtlich. Als mir diese Tatsache bewusst wurde, begann auch ich mich zu fragen: "Wenn keiner weiß, wer ich wirklich bin, gibt es mich dann überhaupt? Ich konnte diese Frage nicht ganz so einfach beantworten wie das kleine Tierchen, Zu lange war ich davon überzeugt, ich sei gut und die Welt sei schwierig. Ich bin gut. Zum Teil. Ich kann jedoch auch unglaublich anstrengend, fordernd, manipulativ, herrschsüchtig, dominant und heuchlerisch sein. ich fühle mich oft viel zu wohl in der Rolle des Opfers. Diese Erkenntnis traf mich wie ein Schlag. Ich dachte sehr lange, du hättest mich ungerecht behandelt ohne, dass ich wirklich dazu beigetragen habe. Wie weit entfernt ich von mir selbst war... Ich habe es verdient, dass man mir Grenzen aufzeigt, mich zurechtweist und mir gegenüber Wut empfindet denn ich bin nicht immer gut. Ich trage beide Teile eines großen Ganzen in mir. Gut und Böse. Hell und dunkel. Licht und Schatten. Und dazwischen noch unzählige weitere Nuancen. Das bin ich und das ist in Ordnung. Ich bin ich. So, wie ich wirklich bin. Mit dieser Erkenntnis tritt auch die Scham ans Licht. Die Scham darüber, dass ich so gehandelt habe, wie ich es anderen oft vorwerfe. Auch das gehört dazu. Auch das ist ein Teil von mir. Ich werde sicherlich noch viele weitere Nuancen und Facetten kennenlernen und jede davon bringt mich ein Stückchen weiter zum wahren, echten Kern. Ich bin gespannt. Auch ich will sagen können: "Ich bin da! Natürlich gibt es mich". Ich bin ich!