Stolz

Sucht man nach der Bedeutung des Wortes Stolz, so findet man zwei wesentliche Erklärungen. Stolz ist zum Einen ein ausgeprägtes Selbstwertgefühl. Man verbindet diese Bedeutung mit Sätzen wie "Er hat meinen Stolz verletzt" oder auch "Sie war viel zu stolz um sich zu entschuldigen". Auf der anderen Seite gibt es auch die Bedeutung stolz auf sich oder etwas zu sein. "Sie verkündete voller Stolz, dass sie ihr Ziel erreicht habe". Worauf ich damit hinauswill? Stolz war mir bereits von Kindesbeinen an, die merkwürdigste aller Empfindungen. Ich tat mich schwer damit "stolz" auf mich zu sein oder "zu stolz" zu sein um diese oder jenes zu tun. Wenn ich Mist gebaut hatte, dann entschuldigte ich mich. Wenn nötig auch hundert Mal. Ich fand es dämlich, einem so trivialen Gefühl wie "Stolz", in zwischenmenschlichen Beziehungen, Raum zu geben. Je älter ich wurde, umso wichtiger schien meinen Freundinnen der "Stolz" zu werden. Mir wurde oft erklärt, ich dürfe nicht zeigen, dass ich verletzt sei, nicht zeigen, dass ich mich für jemanden interessiere. Ich dürfe nicht zul leicht zu bekommen sein und vor Allem sollte ich bloß niemandem hinterherlaufen. Schließlich sei es ungeheuer wichtig, gegenüber anderen Menschen, seinen Stolz nicht zu verlieren. Diese Denkweise schien mir nicht zu meinem Wesen passend. Ich wollte nicht so viele ohnehin schon komplizierte Dinge noch weiter verkomplizieren. Für mich schienen gewisse Sachverhalte einfach logisch zu sein. Wenn du einen Fehler gemacht hast, entschuldige dich. Entschuldige dich so oft wie es nötig ist. Wenn du verletzt bist, tu nicht so als wäre alles gut. Wenn du jemanden interessant findest, versuche ihn besser kennenzulernen und das Wichtigste war für mich stets: Wenn du jemanden liebst, dann sag und zeig es ihm, Meiner Meinung nach gibt es auf unserer Welt genug Probleme um die wir uns zu kümmern hätten. Warum also soll ich die normalsten, simpelsten Inhalte so verdrehen, dass sie nicht mehr authentisch transportiert werden können? Ich habe lange nach diesem Prinzip gelebt. Den Menschen stets mein Herz geöffnet und versucht ehrlich und aufrichtig zu sein. Es funktionierte mal besser, mal weniger gut, Dann kam er. Mit ihm bin ich genauso verfahren. Ich habe Interesse gezeigt, wir haben uns besser kennengelernt, ich habe zugegeben wenn ich verletzt war, ich habe meine Gefühle gezeigt und ausgesprochen. Sicherlich war ich mitunter absolut melodramatisch und wahnsinnig anstrengend. So bin ich - menschlich, unvollkommmen.

Auf das, was diesmal geschah, hätte mich ohnehin niemand vorbereiten können. Er gab mir das Gefühl, jemand besonderes zu sein. Er sagte er wäre der Meinung, ich hätte so viel mehr "Stolz" als alle anderen weil ich einfach ehrlich und echt sei. Er meinte, dass die Tatsache, dass ich mich anderen gegenüber so verletzlich machen würde etwas sei, das mich zu jemandem macht, der verstanden hat um was es geht. Ich ließ all diese, seine Worte auf mich wirken und sie gingen natürlich nicht spurlos an mir vorüber. Ich begann ihm zu vertrauen. Wenn wir stritten, hatte ich kein Problem damit meine Fehler zuzugeben und mich zu entschuldigen. Ich lief ihm hinterher, erklärte warum ich so gehandelt hatte, bat ihn um Verzeihung. Ich bemerkte nicht, dass ich immer die Schuldige zu sein schien. Er entschudigte sich nie. Irgendwann fiel mir auf, dass ich wohl unterbewusst damit begonnen hatte mich unter ihn zu stellen. Gepaart mit der Tatsache, dass "Stolz" mir ohnehin nicht vertraut war, führte dies dazu, dass ich mich immer m ehr über ihn definierte. Die Grenze was wirklich noch ich war und was nicht mehr wurde fließend. Als ich dies bemerkte, versuchte ich dagegenzusteuern, Ich kritisierte ihn auch mal, gab kontra und versuchte fordernder zu sein. Ab diesem Zeitpunkt begann er damit, einen Hass gegen mich zu kultivieren, der mir letztendlich den Boden unter den Füßen wegzog. Ich möchte auf keinen Fall, dass ich als Opfer dastehe. Das bin ich nicht. Ich bin nicht das Lamm und er nicht der Löwe. Er hat meinen mangelnden "Stolz" mit Schwäche gleichgestellt. Für ihn war ich praktisch. Erfrischend. Ausnutzbar. Leicht zu manipulieren. Er machte so vieles falsch und ich war noch immer davn überzeugt, er sei ein guter, ehrlicher Mensch. Meine Schwäche, die Dinge nicht so zu sehen wie sie sind sondern so wie sie sein könnten, stürzte mich hier ins Verderben. Sein Stolz war zu groß, zu wichtig, zu ausgeprägt, zu sehr mit seinem Wesen verknüpft. Während ich diese Gefühl kaum kannte, schien es sein Lebenselixier.

Jetzt, fast drei Monate später, bin ich noch immer nicht wirklich darüber hinweg, dass ich so etwas habe mit mir machen lassen. Ich ärgere mich über meine Dummheit und darüber, dass ich dieses Konzept des "stolz seins" nicht auch nur annähernd beherrsche, mich selbst immer als so unwichtig betrachtet habe. Ich bin noch immer nicht davon überzeugt, dass es Sinn macht, dem Stolz zu viel Raum zu geben. Ich habe gesehen, was aus einem Menschen wird, der aus Stolz die Qelle seiner Kraft werden lässt. Eine kleine Prise davon bewahrt jedoch viellleicht vor einem allzu gebrochenen Herzen und einer Zeit, in der man überwinden muss, was so schwer ist zu überwinden. Nämlich die Tatsache, dass man jemandem egal ist, der einem selbst jedoch noch unendlich viel bedeutet.