Menschlich

Ich bin nur allzu oft eine wirklich unmögliche Person! Ich halte mich selber für etwas „Besonderes“, gehe davon aus, die Gefühlswelt anderer genau erfassen zu können und labe mich nur allzu gerne in Selbstmitleid und Melancholie. Von Kindesbeinen an hatte ich das Gefühl „Ich bin anders“. Ich war neidisch ohne es zu bemerken. Ich war eine Träumerin. Das Abwesende erschien mir so viel angenehmer als die Realität. Ich bin kleiner als diese Welt, ich verneige mich in Demut vor ihr und ihrer vollkommenen Schöpfung. Vollkommen bin ich wahrlich nicht. Davon war ich überzeugt.

 

Schicksal. Synchronisation. Simultanität.

 

Wir sind uns begegnet aus einem ganz bestimmten Grund, das weiß ich. Du und ich. Wir sind so unterschiedlich und doch so gleich, dass ich mich frage, warum es so lange gedauert hat bis es mir auffallen konnte. In meinen Freundschaften und Beziehungen zeigt sich oft, dass meine Beziehungsenergie geprägt ist von Grundannahmen wie „ aufeinander zu gehen, miteinander sein, einander verstehen, sich einfühlen können und sich nahe sein“. Ich bin ein sehr feinfühliger, empathischer Mensch. Ich ertrage diese Feinfühligkeit selbst kaum. Du spiegelst in weiten Teilen genau das Gegenteil meiner Grundannahmen wider. Für dich ist es wichtig, voneinander weg gehen zu können, distanziert zu sein, für dich sein zu können. Während ich künstlerisch sublimiere und Erfüllung in der Sehnsucht suche, findest du völlig rationalisiert Alternativen in der Realität. Mein Selbstbild ist geprägt von der Annahme, ich sei gut wenn ich originell, sensibel und gut bin. Deines ist geprägt von Optimismus, Fröhlichkeit und Nettigkeit. Während ich ewig nach der blauen Blume, dem heiligen Gral suche und wohl zugeben muss, dass ich wie eine Disney Prinzessin darauf warte, dass ein Prinz mich aus meinem Elend rettet und die große Liebe endlich die Erlösung bringt, willst du dich auf keinen Fall festlegen. Du bist rationell. Du hast Angst vor seelischer und körperlicher Nähe. Wer zu viel fühlt kann auch Schmerz fühlen. Du willst keinen Schmerz fühlen. Für mich ist Schmerz genau das, was Potential des Erschaffens in sich trägt. Ich habe dich geliebt und wollte dir helfen, deinen Schmerz zu essen, zu kauen, zu schlucken und zu verdauen. Ich wollte dir dabei helfen, deine dunkle Seite genauso lieben zu lernen wie deine hellen. Du hast auf mich stets gewirkt wie jemand der mehr und mehr und noch mehr will. Für den das Jetzt nie genug zu sein scheint weil er etwas noch besseres will. Ich dachte, ich könnte dir zeigen, dass es helfen kann, das Leben zu verlangsamen, das ständige Geschwätz einzustellen und auch den Teil des Lebens zu akzeptieren, der unschön und schwierig ist. Dafür hast du mich zuletzt gehasst. Anfangs dachte ich, dein Hass sei berechtigt. Ganz meinem Wesen entsprechend habe ich die Schuld nur in meiner Unvollkommenheit gesucht und nicht bemerkt, dass du eigentlich wütend auf dich selbst bist. Auf deine Unvollkommenheit und deine fehlende Empathie. Ich glaube, du bist wie einer der Jungen aus Peter Pans Nimmerland. „Niemals erwachsen werden“. Ein ewiges Kind. Vielleicht ist es deine Lebensaufgabe, noch ein zweites Mal zur Welt zu kommen und erwachsen zu werden. Ich weiß es nicht. Meine ist es, einen gesunden Realismus zu entwickeln. Ich muss lernen, meine Sehnsucht auf die Wirklichkeit zu begrenzen und meine Füße auf dem Boden zu halten. Balance finden. Ohne dich wäre ich dieser Erkenntnis noch so unendlich fern! Ich danke dir von Herzen. Für die Freude und den Schmerz die ich durch dich empfinden konnte. Für das Lachen und das Weinen, dass du in mir ausgelöst hast. Für die hellen und die dunklen Momente. Es wird nie wieder so sein wie vorher. Ich werde nie wieder so sein wie vorher. Auch wenn unsere Geschichte vermutlich an diesem Punkt zu Ende geht, so möchte ich sie nicht missen. Ich habe mich dir gegenüber von meiner dunkelsten Sete gezeigt und ebenso hast du mir deine offenbart. So sind wir. Menschlich. Unvollkommen.

 

 

 

Mit meinen leuchtenden Blitzen
kann ich sehen, wo meine Reise hinführt
wenn der Sensenmann mich erreicht und meine Hand berührt.

 

Arcade Fire – Wake up

 

 

 

Ich sitze in dieser merkwürdigen Dachgeschosswohnung mit etwa zehn anderen. Es gibt eine kleine Couch und einen Sessel und ganz viele Sitzsäcke. Wir sitzen im Kreis und unterhalten uns während ein Joint nach dem anderen herumgereicht wird. Ich weiß nicht mehr, was geredet wurde oder mit wem ich geredet habe. Ich erinnere mich tatsächlich nur daran, dass dieser Joint das einzige zu sein schien, was diese wirr zusammengewürfelte Gruppe wirklich verband. Ich hab überhaupt nichts gegen Gras. Ich rauche selber gerne. Jedoch eher gezielt. Ich schreibe gern während ich high bin und höre dabei tatsächlich die „Doors“ – ja Klischee pur. Mein Problem war, dass in dieser Runde dieser verdammte Joint wie ein religiöser Kelch herumgereicht wurde. Er bildete das Zentrum jeglicher Konversation. Ich war mir sicher, dass die meisten in der Runde sich nüchtern, nicht mal wirklich mochten. Ein Haufen Anfang zwanzig Jähriger, die allesamt das System kritisieren und „ihr eigenes Ding“ machen wollen aber tatsächlich überhaupt nichts tun. Menschen die kritisieren, wie dramatisch die „Ellenbogenmentalität“ sich auf die Entwicklung des Individuums auswirkt und wie traurig der fehlende Zusammenhalt in der Gesellschaft ist und paradoxerweise zeitgleich ihren Egozentrismus zelebrieren. Von Zusammenhalt war dort nämlich nichts zu spüren. Der Eine war, dem Anderen scheißegal. Tausend unausgesprochene Worte. Keiner sagte tatsächlich, was er wirklich dachte. Und während wir so dasaßen und heuchlerisch über „das große Ganze“ philosophierten, bemerkte ich nur ihn. Er schien der Einzige zu sein, dem all dies auch bewusst zu sein schien. Er kam mir vor wie jemand, dem meine Gedanken nicht fremd waren und der ebenso mehr sieht, als das Offensichtliche. Ich dachte bis zu diesem Zeitpunkt, mich könne man nicht mehr täuschen…

 

Schicksal. Synchronisation. Simultanität.

 

Wir lernen nicht rein zufällig einen Menschen kennen, weil wir uns in ihn verliebt haben. Die Lustgefühle, die wir in der Kontaktphase erleben, sind lediglich Mittel zum Zweck. Das Leben schickt uns genau die Menschen und die Situationen, die es uns ermöglichen, uns selbst zu begegnen. Das egoistische, männliche Prinzip auf der einen und das altruistische, weibliche Prinzip auf der anderen Seite könnten sich ergänzen und jeder der beiden Menschen könnte vom anderen lernen, um so seinen Weg zur inneren Harmonie zu finden.

 

Ähnliches ist mir passiert. Und so ist unsere Geschichte unglaublich grausam und doch wunderbar zugleich. Wunderbar, weil sie mir geholfen hat, mich zu erkennen. Es ist eine Liebesgeschichte. Keine Klassische. Es ist eine Geschichte über die Selbstliebe.