Vom unsäglichen Leid nicht dumm genug zu sein...

Ich sitze am Computer. Nachdem mich neulich jemand über die, mir bis dahin noch relativ unbekannte,  endlose Weite der Sozialen Medien aufgeklärt hatte, bleibt mir in den letzten Tagen schließlich nichts anderes übrig, als mich in genau dieser umzusehen. Ich hatte natürlich erwartet, dass ich auf diesem Schotterweg so manchen Kuriositäten begegnen würde, es gibt jedoch nichts, absolut gar nichts, was mich auf das hätte vorbereiten können, was ich hier letztendlich zu sehen bekam. Wie konnte ich all die Jahre nicht wirklich mitbekommen, dass sich auf YouTube eine völlig neue, in höchstem Maße beunruhigende Subkultur gebildet hatte? Teenager, die an den, im  Color - Blocking -Style gefärbten, Haaren herbeigezogene Dating Tipps geben. Erwachsene Frauen, die ihre Gesichter, bis zur Unkenntlichkeit, mit doppelt gebackenem  Conturing Powder, konturieren. Junge, nahezu asexuelle Männer, die magnetische Gesichtsmasken testen, von deren Preis ein Bafög – Empfänger gut zwei Monate leben könnte. Hochgradig überförderte Mütter, die ihren Alltag zwischen Baby, Zigaretten stopfen und Dosensuppe erwärmen, filmen. Im Zuge der eingehenden Betrachtung dieser Horrorfilme stellt man sich schließlich die eine Frage: WARUM?

 

Versteht mich nicht falsch, jeder darf natürlich tun und lassen, was er denn so möchte und natürlich zwingt mich auch niemand dazu, diverse Clips zu schauen aber mal ganz ehrlich, hat man erst einmal damit begonnen gibt es nahezu kein Zurück mehr. Man sitzt schockiert vor diesen übertrieben euphemistischen Selbstdarstellungen, unfähig den roten Knopf zu drücken, der all diesem Leid ein jähes Ende bereiten könnte. Ich lache schließlich einfach darüber.

 

Nachdem ich den Computer jedoch abschalte, bleibt ein äußerst bitterer Nachgeschmack. Mir wird klar, dass nicht etwa die Produzenten und Darsteller dieser Amateurfilmchen und deren Millionen Follower eine Subkultur bilden sondern ich. Ich und all´ die Menschen, die leider das winzige Körnchen zu viel soziale Intelligenz in ihrer Entwicklung herausbilden konnten. Das Beängstigende hierbei, meine Lieben ist, dass wir deutlich in der Unterzahl sind. Drastisch ausgedrückt: Wir befinden uns im Krieg. Im Krieg um das Erhalten ethischer und moralischer Grundsätze, von denen wir noch gar nicht wussten, dass sie von solch elementarem Wert für unsere Gesellschaft sind. Es scheint, als hätten wir jede fiktive und reale Grenze bereits deutlich überschritten. Was soll nun bitte noch kommen? Wie tief könnten wir alle noch sinken? Ich weiß es zum Glück nicht. Die für mich wirksamste Lösung gegen dieses System ist das Zelebrieren der Grundsätze meiner Subkultur. Ich möchte all´ die Menschen um mich scharen, die mir zeigen, dass es anders geht und die ebenso versuchen kritisch wie auch vorausschauend zu sein. Wir dürfen uns noch nicht geschlagen geben. Es gibt sie noch, die Menschen, die dem unsäglichen Leid, nicht dumm genug zu sein, ausgesetzt sind.

 

 

 

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