Die Kunst zu lieben...

 

 

Bereits mit 3 Jahren habe ich an mir selbst feststellen können, dass ich wesentlich emotionaler war, als die meisten Menschen in meiner Umgebung… Als ich auf einem Ausflug, meine Puppe bei der Freundin meiner Mutter hatte liegen lassen und wir aufgrund des langen Fahrtweges nicht mehr umdrehen konnten, habe ich einfach die restlichen zweieinhalb Stunden Fahrt durch gebrüllt. Bis zum heutigen Tage habe ich meiner Mutter niemals vollständig verzeihen können, dass sie einfach nicht zurückfahren wollte. „Du bekommst eine neue Puppe“, meinte sie damals großzügig. Ich wollte keine dämliche, neue Puppe! Ich wollte meine Lisa, mit der ich bereits so viel erlebt hatte. Natürlich kamen nach ihr noch viele Puppen. Einige waren viel schöner als Lisa, andere tatsächlich wesentlich praktischer in der Handhabung. Keine aber konnte den tragischen Verlust auch nur annähernd wettmachen. Noch heute trauere ich ihr ein ganz klein wenig nach.

 

Wenn mich im Kindergarten jemand enttäuscht hatte, sei es weil er oder sie mir mein Spielzeug weggenommen hatten, ich geschlagen wurde oder gar jemand die Frechheit besaß, mich auszulachen, so brach ich stets in Tränen aus und war gewillt diesen schrecklichen Ort des Höllenfeuers nie wieder zu betreten. Fast täglich erklärte ich meinen Eltern, ich würde in ein Land auswandern, in dem die Menschen freundlich wären und nicht dauernd Dinge täten, von denen man weinen müsse. Meine Eltern taten das für sie einzig und allein richtig erscheinende: Sie schickten mich zum Fußball. Nach zehn Minuten wurde jedoch klar, dass der eiserne Rasen keinen geeigneten Ort für eine Vierjährige, die stets dazu gewappnet war, einen Friedensmarsch zu organisieren, darstellte.

 

Ich lief durchs Leben in der Annahme, die Welt würde sich zum Guten wenden wenn man nur weiter an das Gute glaubte. Eisern verfolgte ich meine Mission. Mit 15 Jahren erreichte ich den Höhepunkt meiner aktivistischen Karriere. Ich wurde Vegetarierin, dann Veganerin, nahm an sämtlichen Umweltaktionen unserer Stadt teil, trat Greenpeace bei und zwang meine Familie zur exzessiven Mülltrennung.  Ich wollte die Menschheit, den gesamten Planeten vor seinem Untergang retten. Ich wollte allen und jedem helfen. Grauenvoll!

 

Entspannt wie frisch aufgezogene Gitarrensaiten pilgerte ich durch meine Teenagerjahre. Ich analysierte nun auch  jedes Gespräch, jeden Chatverlauf, jede SMS. Meine Mission war es, absolute Positivität zu erreichen. War dem nicht so, weinte ich natürlich. Ich weinte über die dramatische Entwicklung des CO2 Ausstoßes, die Ozon Werte, Müllteppiche im Atlantik, den merkwürdigen Kommentar meines Lehrers, die nicht ausreichend positive SMS meiner Freundin, die geschlachteten Hasen meines Opas, die sentimentale Fernsehwerbung mit den Hundewelpen… die Liste ließe sich endlos weiterführen.

 

Mir war schlichtweg niemals nichts egal! Ich war völlig verrückt geworden, unentspannt und eingeschüchtert über die eigentlich nicht unerwartet schockierende Tatsache, dass nicht alles immer nur gut war und zu alledem auch noch hochsensibel wenn es um zwischenmenschliche Beziehungen ging. Mein Leben begann langsam aber sicher anstrengend zu werden…

 

Ich begann mir nach und nach die Frage zu stellen, warum dies so war. Ich ging zum Yoga, malte Aquarell, filzte kleine Wichtel und Feen, backte Brote. Ich meine, was gibt es wohl konstruktiveres als ein Brot zu backen. Nichts half langfristig. Ich wurde erwachsen – zumindest erwartete man dies von mir. Mir wurde schließlich klar, dass ein Leben als hochsensible Umweltaktivistin mit dem Hang zur Dramatik und dem Drang alles zu Tode zu analysieren nicht wirklich Spaß machen kann. Es war zu viel! Es war zu wenig! Es fehlte alles! Es fehlte nichts!

 

Es fehlte die Liebe, vor Allem die Selbstliebe!

 

 Also hörte ich auf!

 

Ich hörte auf, in allem dem ultimativ perfekten, völlig utopischen Idealzustand entsprechen zu wollen. Ich hörte auf, mir Gedanken darüber zu machen, was andere von mir dachten. Natürlich geschah dies nicht mit einem Fingerschnipsen. Ich lernte Menschen kennen und verabschiedete sie wieder. Ich gewann neue Freunde und verlor alte. Ich brach das ein oder andere Herz und auch meines wurde unzählige Male gebrochen. Ich lachte, ich weinte, ich schrie und ich wurde angeschrien. Ich bat um Verzeihung und ich vergab. Ich wanderte und stand still.  Ich lernte, was es bedeutet erwachsen zu werden. Ich lernte, was es bedeutet sich selbst kennenzulernen, sich selbst zu vertrauen, sich selbst zu lieben. Ich lerne dazu, jeden Tag, von vielen Menschen. Ich bin dankbar. Ich blicke voll Demut und Ehrfurcht auf das, was vor mir liegt und voller Stolz auf das, was ich hinter mir lassen konnte. Ich weine noch immer unglaublich viel und es gibt Momente in denen ich mir wünsche, ich wäre weniger emotional aber das bin ich nicht. Ich mach das, was mir gefällt.  Am schwierigsten jedoch war es oder ist es letztendlich, aufzuhören, alles und jeden zu analysieren. Es wäre gelogen, wenn ich sagen würde, ich habe dieses unangenehme Vollzeithobby völlig aufgegeben aber ich bin auf einem guten Weg. Jeden Tag einen Schritt weiter.

 

Ja, ich  bin noch immer völlig schockiert über den Zustand unserer Umwelt und ich versuche so nachhaltig wie möglich zu leben aber ich tue dies nun ohne Stress. Ich habe gelernt, das wahre  Selbstliebe letzten Endes auch bedeutet die Menschen aufrichtig zu lieben, die Erde aufrichtig zu lieben und keine Perfektion zu erwarten. So wenig wie möglich zu erwarten denn jede Erwartung trübt die Farben und das Licht dessen, was tatsächlich kommt. Dennoch,  wer alles liebt, liebt niemanden. Es ist nicht einfach, die Balance zu finden. Das ist die Kunst. Die Kunst der Liebe.

 

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